Montag, 22. Oktober 2007

Chichibu-Tama Nationalpark, die Zweite

Am vergangenen Wochenende habe ich mit drei anderen Praktikanten eine 2-Tage-Wanderung im Chichibu-Tama Nationalpark gemacht. In einer Ecke dieses Parks (in der Nähe von Oku-Tama) bin ich vor ein paar Wochen schonmal gewesen, allerdings nur einen Tag. Jetzt war der Plan, von Chichibu aus über den Kumotori-san (2017 Meter) und eine paar andere, niedrigere Hügel nach Oku-Tama zu wandern. So sind wir dann also Samstag morgens in Tokio losgefahren und nach ein paarmal Umsteigen drei Stunden später in einem kleinen Ort namens Owa ausgestiegen. Obwohl wir hier eigentlich nur rund 70 Kilometer Luftlinie von Tokio entfernt waren, hatten wir ganz eindeutig den Bereich verlassen, in dem man es den Ausländern zuliebe für nötig hält, Ortsnamen usw. in lateinischen Schriftzeichen anzugeben. Ich meine das ganz ehrlich nicht als Vorwurf. Es ist ja unser Problem, dass wir nicht Japanisch können. Wie dem auch sei, es erleichtert so eine Wanderung natürlich nicht gerade.

Die Wanderung hatte ich in meinem Reiseführer entdeckt. Der eigentliche Startpunkt sollte der Mitsumine-jinja sein, ein Schrein, den man mit einer Seilbahn von Owa aus erreichen kann. Von der besagten Seilbahn standen zwar noch Masten mit einem verrosteten Seil, von Gondeln oder Sesseln fehlte aber jede Spur. So verlängerte sich der erste Tagesabschnitt mal eben um zwei Stunden und rund 700 Höhenmeter. Insgeheim habe ich mich ja ehrlich gesagt gefreut. Aufstiege mit Seilbahnen zu umgehen ist sowieso was für Weicheier ;-) Problematisch ist halt nur, dass es in Japan ungefähr ab 17 Uhr sehr schnell sehr dunkel wird. Für die weiteren knapp 900 Höhenmeter bis zur Hütte blieb also nicht sehr viel Zeit, zumal es zwischendurch auch immer mal wieder einige Meter runter ging.



An der Hütte anzukommen war echt ein tolles Erlebnis. Es war denkbar knapp. Auf etwa halbem Weg zwischen dem Schrein und der Hütte ist es richtig neblig geworden und den letzten Abschnitt mussten wir dann schon bei stark fortgeschrittener Dämmerung zurücklegen. Eine Schrecksekunde hatten wir dann noch, als wir an einer verlassenen und total heruntergekommenen Hütte vorbei gekommen sind. Besonders ich als Initiator und Organisator der Wanderung habe wirklich schon befürchtet, dass es sich dabei um die Hütte handelt, die laut Reiseführer das ganze Jahr geöffnet hat. Laut Reiseführer hätte es ja aber auch eine Seilbahn geben sollen. Da ich aber im Vorfeld bei der Hütte angerufen hatte ("Hello, do you speak English?", "No English", "Mountain hut?", "Yes!", "Open?", "Yes!"), habe wir uns entschlossen, nicht in die Hütte einzubrechen, sondern weiter zu gehen.



Die richtige Hütte war dann echt ein Glücksgriff. Wir hatten unseren eigenen, mit Tatami-Matten ausgelegten Raum. In der Mitte des Raums war ein niedriger Tisch mit einem kleinen Ofen, sodass wir uns vor dem Essen erstmal schön die Füße aufwärmen konnten. Das Abendessen war dann typisch Japanisch (Misosuppe, gebratenes Fleisch, Kraut, Reis) und sehr gut. Wir waren die einzigen Ausländer in der Hütte und die Japaner hatten ein echtes Interesse an uns. Irgendwie ist es schon schade, dass wir alle nicht viel mehr als Bitte, Danke, Guten Tag und Auf Wiedersehen sagen können. Die Nacht war dann recht kurz, um 6 Uhr gab es Frühstück. Das war wiederum sehr Japanisch (Misosuppe, Fisch, Reis). Bei beiden Mahlzeiten konnte man immer wieder Reis nachordern, die ideale Grundlage zum Wandern also. Die Sonne ging kurz vor dem Frühstück auf, sodass sich das frühe Aufstehen doppelt gelohnt hat.



Das Wetter hatte sich im Vergleich zum Vortag deutlich verbessert. Der Himmel war strahlend blau. Nach einem kurzen Anstieg erreichten wir den höchsten Punkt unserer Wanderung: Den Kumotori-san (2017 Meter). Von hier hatten wir dann eine absolut atemberaubende Aussicht auf den Fuji-san (3776 Meter), Japans höchsten Berg. Auf den würde ich auch unheimlich gerne rauf, leider ist die offizielle Saison aber vorbei, es fahren kaum noch Busse von Tokio aus zum Fuji-san und die Berghütten haben alle zu. Jetzt habe ich ihn zumindest mal gesehen. Wenn man vom Kumotori-san in die andere Richtung geschaut hat, war man nicht nur von der Sonne geblendet, sondern schaute auf Tokio und das als glänzende Fläche im Hintergrund erkennbare Meer.



Die Wanderung ging dann über auf einem Kamm entlang über mehrere Zwischenhügel in Richtung Oku-Tama. Von hier aus hatten wir fast die ganze Zeit eine tolle Sicht auf die bewaldete Hügellandschaft des Nationalparks und den Fuji-san im Hintergrund.



Vor der Heimfahrt haben wir uns in Oku-Tama noch leckeres Tempura (frittiertes Gemüse) gegönnt. Es war also rundum ein gelungenes Wochenende: Viel Natur, tolles Wetter und sogar ein bißchen Abenteuer. Etwas heftig war dann lediglich der Aufschlag in Tokio. Ich werde mich wohl sowieso nie an die Menschenmassen in den Umsteigebahnhöfen gewöhnen, aber nach zwei Tagen in der Einsamkeit der Natur ist man in der Hinsicht wohl noch sensibler.